Larry Coryell, Guitarist (1943-2017)




Klangvermesser





„Manière de commencement“ ist eine von achtzehn Miniaturen auf der 2016 erschienenen Platte „Satie“ von Tamar Halperin. Das Video oben ist Fake News meinerseits, speziell für René Clairs Film komponierte Erik Satie freilich eine ganz andere Musik. Frau Halperins Version dieses Stücks auf ihrer CD gefiel mir aufgrund explizit filmmusikalischer Qualitäten aber so gut, dass ich mir eine kleine Mashupbastelei erlaubt habe. :)

OK, Erik Satie war schon eine Art Filmkomponist, bevor es den Film überhaupt gab; und als es ihn dann gab, war Satie der erste, der die Interdependenz von Film und Musik vollständig durchdrang. Mit Blick auf die eigene Arbeit bezeichnete er sich in einer Selbstauskunft von damals nicht etwa als Musiker, sondern als Klangvermesser. Klangvermesser. Heute würden wir treudeutsch Soundtüftler sagen. Satie hatte in seiner Behausung zwei Flügel stehen, das heißt, eigentlich nur einen, der zweite war auf den ersten aufmontiert. Erik Satie, Keyboards. Was Tamar Halperin auf ihrer Satie-CD zeigt bzw. freilegt, ist genau dieser multiple Keyboard-Sound-Approach in einer Zeit, als der Strom dafür noch nicht einfach aus der Steckdose kam. Und dies dann extrapoliert auf die Klangerzeugungsmöglichkeiten von heute. Denn Halperin setzt durchaus rechner- bzw. sequenzergestütztes Equipment für ihre Satie-Musik ein. Diskret. Fast peinlich genau ausgefinkelt und diskret. Subtil. Das Zeug wird mit jedem Wiederhören immer besser, der erste Eindruck von Kargheit verflüchtigt sich bald, jeder einzelne Ton gewinnt hörbar umso mehr an Bedeutung, als er sich als streng funktional erweist. Nebenbei: Die CD ist sehr geeignet als Geschenk. Als Geschenk wohlgemerkt, nicht zum Verschenken. :)

Tamar Halperin: Satie. Label: Neue Meister. 2016.

Front Booklet Cover:


Resolution





Those were the days:

MICHELLE. Darling, hör mal, was fällt dir zu unserer Navy Band ein?
BARACK. Gute Jungs, gute Band, erfüllen ihren Auftrag. Warum fragst du, Honey Pot?
MICHELLE. Nun, Baby, meinst du nicht, dass deren Repertoire eine klitzekleine, ahm... sagen wir, Auffrischung vertragen könnte? Ein paar spezielle Add-Ons?
BARACK. Hm, gut möglich. Woran denkst du dabei genau, Chérie?
MICHELLE. Na, Sweetheart, zum Beispiel an Tranes Love Supreme. Wenn unsere Jungs damit die Dächer von den Scheunen blasen, dann wär das ja wohl ein mächtiges Zeichen, ...
BARACK. Verstehe, Bunny, und ein paar Mingussachen zwischendrin wären dabei auch nicht verkeht, was, hehe, …
MICHELLE. Meine Rede, Sunny! Und die Kracher aus dem Stevie-Wonder-Songbook nicht zu vergessen!
BARACK. Ah, Jimmy, Dear, kommen Sie doch bitte mal zu Mrs. Obama und mir ins… ahm… Office, es geht um ein Dekret, das wir auf den Weg bringen müssen. Ahm... und Jimmy, kontaktieren Sie doch bitte vorher noch das Pentagon und lassen Sie einen vom dortigen Planungsstab hier antanzen, der was von Jazz versteht… Ja richtig, Jazz, amerikanische Musik, eilt, bis gleich Jimmy. – So, ma Belle, offizieller Auftrag von deinem Präsidenten: Mach ne Songliste für unsere blauen Jungs!
MICHELLE. Ship ahoy!

John Coltrane 4tet: Resolution.


Solo




Joe Hendersons Solo über Idle Moments.
Englewood Cliffs, NJ, 04.11.1963.




Mit nach außen geschlossenen Augen erinnerte sich Joe an die Landstreicher, die nie den Kopf hoben, wenn sie irgendwo nachts auf der Straße in die Lichtkegel der Autoscheinwerfer gerieten, er erinnerte sich plötzlich an die umherziehenden Musiker, denen er zugehört hatte, fahrende Gesellen, die sich in ihrer Musik beinahe so gelehrt ausdrückten wie Duke Ellington, und die sich wie Exilierte benahmen - so sorgfältig wählten sie ihre Worte -, verbannt aus einem unsichtbaren Land, das bis ins kleinste dem gelobten glich, in dem sie umherzogen und auftraten. Joe dachte an ausrangierte Güterwaggons, auf deren Bodenplanken die Kinder saßen und Moms Kofferradio schepperte, er dachte an Heimatlose, die die Plakatwände entlang der Highways dazu benutzten, Zeltplanen schräg zum Boden hinabzuspannen, er dachte an jene, die auf Autofriedhöfen in den Gerippen ausgeschlachteter Limousinen schliefen oder an andere, die die Nacht hoch droben in den Körben der Telefonkabelmasten verbrachten – eingesponnen in Netze aus singenden Drähten, ungestört von den knisternden Stromspannungen, die abertausende von Botschaften durch die Nacht jagten. An all die Stimmen dachte er, die zu den unmöglichsten Zeiten, in den endlosesten und dunkelsten Stunden unter den zehn Millionen Möglichkeiten der Wählscheibe nach jener magischen einen gesucht hatten, die sich doch irgendwann herausschälen musste aus den monotonen Litaneien, deren stumpfsinnige Wiederholung eines Tages doch den einen Akt auslösen musste: das Erkennen, das wahre Wort. Dann setzte er ein.



Denny und sein Dad / Man on the moon




Der Clip entstammt dem fantastischen Dokumentarfilm „Ornette – Made In America“ (1984) von Shirley Clarke. Er zeigt Ornette Coleman und seinen 12jährigen Sohn Denardo („Denny“) 1968 im New Yorker Viertel SoHo, wo Ornette in der Prince Street seit April desselben Jahres ein Loft bezogen hatte, das er „Artist’s House“ taufte. Ornette lebte, probte und werkelte darin bis ca. 1975. Das Footage wurde mit ziemlicher Sicherheit von Leuten aus dem engsten Ornette-Umfeld privat gedreht - Dennys Unbefangenheit vor der Kamera legt das nahe -, und war völlig unbekannt, bevor es Shirley Clarke für ihren Dokumentarfilm verwendete. Seitdem ist kein weiteres Material aus dieser Artist's-House-Periode mehr aufgetaucht; die professionelle Kunstfertigkeit, mit der Shirley hier montierte, lässt aber erahnen, dass womöglich noch kilometerweise Streifenstoff irgendwo lagert.

Für uns, die wir so manche Nacht mit der Exegese der Musiken von Typen wie Ornette Coleman, Cecil Taylor, Albert Ayler und Archie Shepp hingebracht haben, ist dieser kleine Schnipsel schon wichtig. Wir sitzen vor überdimensionalen unfertigen Puzzlespielen in 4D und freuen uns über jedes einzelne kleine Teil, das sich einpassen lässt, das aber freilich nie von der Fabrik mitgeliefert wird sondern in den Überraschungseiern des Lebens steckt, die einem so larifari zufallen. Ornette Coleman starb im heißen Sommer 2015 - ich las die Nachrufe, ja, die Leute haben Probleme, das Lebenswerk der Mannes auf einen Punkt zu bringen. Erfinder des Freejazz? Schmarrn. Ornette spielt einfach den Blues? Schon richtiger, aber nur, wenn man mit "Blues" die uralte Bluesstimmung meint und nicht das allseits bekannte harmonische Mollschema. Diesen Blues zu spielen ist so ziemlich das Freieste, was du machen kannst, sagte Rahsaan mal, und das trifft auf das Saxofonspiel Ornettes mit Sicherheit zu.

Nach dem Kern ist aber genau da zu suchen, wo die Kreativität am deutlichsten aufscheint - auf dem Weg vom bric-a-brac zur Bricolage. Ornette Colemans Werk ist eine einzige große vielgestaltige Bastelarbeit (Lévi-Strauss schrieb mal zum Thema Bastler & Wildes Denken) an der Drehbank des Blues. Der Blues macht den Bastler frei: Wenn er in England nicht auftreten durfte, weil die britische Gewerkschaft ihn als amerikanischen Entertainer klassifizierte, der somit unter einen Bann zu fallen habe, dann schrieb Ornette notgedrungen seine Stücke um für ein von ihm imaginiertes Streichquartettsetting, mit dem er dann in London tatsächlich reüssierte. Sofort bekam er Lust, ein großangelegtes sinfonisches Werk auszutüfteln, das schließlich ebenfalls nach Jahren zur Aufführung kam ("Skies Of America"). Für Ornette lag es dann wie selbstverständlich auf der Hand, ein musiktheoretisches Werk aufs Papier zu bringen, das er "Harmolodics" nannte, ein Manuskriptkonvolut, von dem über die Jahrzehnte immer mal wieder Auszüge in interessierte Kreise gelangten, und an denen Musikologen dann herumrätselten wie an einem Koan, einfach weil Ornette die Standardbegriffe nicht oder "falsch" verwendete und die Konfusion damit vorprogrammiert war. Bezeichnend auch, dass Ornette sein Altsaxofonspiel niemals akademisch weiterentwickelte, sondern sich stattdessen lieber Violine und Trompete selber beibrachte, um neue Sounds in seinen Vortrag zu bringen. All das war freilich "naiv". Die Idee, mit seinem kleinen Sohn Denardo, der ganz für sich ein Gefallen am Trommeln gefunden hatte, das ernsthafte Jammen anzufangen, passt genau in die Szenerie. Es entstanden immerhin drei offizielle Aufnahmen Ornettes mit Denardo als Kind (eine davon ist gar ein Livemitschnitt eines Auftritts in der NY-University mit Dewey Redman als zweitem Saxofonisten, Dewey ist voll im Bilde und es sind Interaktionen zwischen ihm und Denardo zu hören, die einen sprachlos machen). Das ist der Punkt bei Ornette Coleman: Musik geht immer und mit jedem, der Mensch ist ein Kreativling, ein "Bastler", das ist die Botschaft.

Ornette teilte das "Artst's House" für einige Jahre mit Emmanuel Ghent, einem praktizierenden Psychiater, dessen großes Ding allerdings die Neue Elektronische Musik war. Ghent tüftelte an seinem Zeug in den Laboratorien, die ihm die Telefongesellschaft Bell zur Verfügung stellte für innovative Explorationen - und natürlich existiert also eine Musik, die die Nachbarn Ghent und Ornette Coleman zusammenführt. Wenige Wochen vor der avisierten ersten bemannten Mondlandung, nahm Ornette ein Band von Ghent und ließ sein Quartett darüber ein Brett improvisieren, so, dass einem beim Hören des Amalgams heute noch die Zähne schmerzen. Impulse - Ornettes Plattenfirma zu der Zeit - veröffentlichte "Man On The Moon" als Single, aber nur in Frankreich. Den Kram hörte ich im Sommer 2015 zum ersten Mal. :)



This is as serious as your life.

Studien


*zwei Teile aus dem alten Demonstrator05-Kanal, die hier dauerhaft überleben sollen. :)



Le mystère Picasso
Duration
Velocity
Score
-- H. G. Clouzot (orig.)
78:00
1x
Georges Auric
-- ray05
06:18
4x
Marion Brown




Bullitt Car Chase
Duration
Cuts/min.
Score(Sequenz)
Composer
-- P. Yates (orig.)
06:56
16
keine Musik
L. Schifrin (Werk)
-- ray05
03:13
17
Wilton Felder
L. Schifrin (Sequenz)