I. R. M.I.N.G.U.S. WHAM! BAM! THANK Y.O.U. M.A.A.M.!



Freedom (1960)
Charles Mingus

This mule ain’t from Moscow*
This mule ain’t from the South
But this mule has some learnin'
Mostly mouth-to-mouth

This mule could be called stubborn and lazy
But in a clever sorta’ way this mule could be workin’
Waitin’ and learnin’ and plannin’
For a sacred kind of day
A day when burnin’ sticks and crosses is not mere
Child’s play
But a madman in his most incandescent bloom
Whose lover’s soul is imperfection and is most lustrous
Groom
So, stand fast there young mule
Soothe in contemplation
That burning whole and aching thigh
Your stubbornness is ever living
And cool anxiety is about to die

Freedom for your daddy
Freedom for your momma
Freedom for your brothers and sisters
But no freedom for me



Mingus war zu groß für alles, und die Dimensionen seiner Affekte entrückten ihn dem Rest des Feldes. Stellvertretend für alle Musiker, Manager und Politiker, welchen er den Tod wünscht, zermalmt er den Hörer seiner Platten, wobei er selbst spielt, singt, antreibt, im Hintergrund flucht und mit seinem Bass zeigt, wo das Alte Testament sitzt. Mit Mingus zu spielen, ihn zu hören ist der Initiationsritus schlechthin, und immer stößt er mit Kopf, Bauch und Dr. Faust durch alle Wände. Jürg Laederach


You can´t hit all that badges, can you?

"Mingus" von Thomas Reichman. Dokumentarfilm USA 1968. Grundstürzende Arbeit im klassischen Cinéma-verité-Stil.


HELP! Brief an Giuseppe Barazzetta. "People here are trying to hunt my business".


The Clown´s Afraid, Too

Sprechende Titel einiger Mingus-Kompositionen: Weird Nightmare | Bemoanable Lady | Mingus Fingus | Haitian Fight Song | Wednesday Night Prayer Meeting | The Shoes Of The Fisherman's Wife Are Some Jive Ass Slippers | Don't Be Afraid, The Clown's Afraid Too | Better Git Hit In Your Soul | Wham Bam Thank You Ma'am | All The Things You Could Be By Now If Sigmund Freud's Wife Was Your Mother | So Long Eric | Peggy's Blue Skylight | The Black Saint and the Sinner Lady | Ysabel's Table Dance | Song With Orange | If Charlie Parker Was a Gunslinger, There’d be a Whole Lot of Dead Copycats | Oh Lord Don't Let Them Drop That Atomic Bomb On Me | Free Cell Block F, 'Tis Nazi U.S.A. | Remember Rockefeller At Attica | Duke Ellington's Sound Of Love | Half-Mast Inhibition | Hora Decubitus | Prayer for Passive Resistance


Tour d´Europe 1964

Mingus gehörte zu denen, die den neuen Jazz von Amerika nach Europa brachten und dort als Samen einpflanzten. Weite Gebiete des ingeniösen europäischen Jazz sind ohne Mingus gar nicht denkbar. Die beunruhigend intensive Musik seiner Band von 1964 wurde als „Free-Jazz“ rezipiert, ein Begriff, der Mingus auf die Palme brachte, weil er gleichbedeutend war mit Ausgrenzung und als Etikett nichts anderes mit sich brachte als geschäftliche Nachteile. Das Unge- und Unverbundene, das die europäischen Hörer dieser Zeit wahrnahmen in der Mingusmusik, war ihr zeitweiser Rückgriff auf die historische Spielpraxis der Kollektivimprovisation. Die Kollektivimprovisation des Jazz der 1920er bedeutete, dass alle solieren und somit keiner, und die hübschen kleinen Ausschweifungen in versöhnlichen, volksliedhaften Kadenzen aufgelöst werden mussten. Befremdlich war nun, dass Mingus diesen alten Gemeinschaft stiftenden Gestus innerhalb großangelegter Arrangements gewissermaßen als kalkuliertes Zitat einbrachte und völlig unironisch hart kontrastierte mit sehr viel aktuelleren Spielformen. Dieser Kontrast schien umso schärfer hervorzutreten, als Mingus diese Übergänge zwischen althergebracht und innovativ vermittels einer Technik ins Werk setzte, die im Jazz völlig unüblich war: diejenige der laufenden Tempoveränderung unter Beibehaltung des Rhythmus. In den Arrangements von zum Beispiel Duke Ellington oder Gil Evans ging der Tempowechsel immer abrupt einher mit dem Rhythmuswechsel als "Break", Mingus trennte diese Naht auf und in diesen Phasen des konsekutiven Tempowechsels fing Mingus an zu shouten, seinen Mitspielern Anweisungungen zuzurufen, die keinem anderen Zwecke dienten als der Ekstatisierung. Dannie Richmond, der Drummer, sieht in diesen vor Spannung fast unerträglichen Momenten aus wie der Leibhaftige, Jaki Byard, der Pianist, setzt aus oder spielt ein Cluster, mehr kann ein Pianist nicht tun. Wenn „Beat“ und „Rhythmus“ unverändert bleiben sollen unter Maßgabe von unaufhaltsam vorschiebenden Veränderungen des „Tempos“, dann sind wir erfahrungsgemäß am Abgrund zu einer Welt, in der beunruhigend andere Gesetze gelten. Ein weiterer Punkt wäre die schlichtweg überbordende Virtuosität des Holzbläsers Eric Dolphy in diesem Ensemble, der den gesamten Vortrag fast aus den Angeln hebt, wenn er jedes Solo so autoritativ spielt, als dürfe es kein weiteres mehr geben. Eric Dolphy ist der Star der Mingus-Gruppe.

Meditation On Integration. Liège, 19.04.1964.

Mingus und Eric Dolphy standen nicht allein, bereits 1962/3 gastierten die Newjazz-Gruppen von Coltrane und Cecil Taylor in Europa, Albert Ayler startete seine kurze, tumultuöse Laufbahn überhaupt erst von Stockholm aus (und ist somit ein Sonderfall). Freilich hinterließen die Auftritte dieser Leute einen schweren Eindruck auf die europäische Jazzcommunity und das openminded Hipstervolk, das live dabei war; allein, es haperte noch an der medialen Verbreitung. Erst 1964 war es diesbezüglich soweit: Die Europatour der Mingusgruppe wurde zur bis dato bestdokumentierten in der Geschichte des Jazz. Nahezu alle Konzerte wurden von den jeweiligen öffentlich-rechtlichen europäischen Rundfunkanstalten komplett aufgezeichnet und verwertet, viele wurden in den Radioprogrammen direkt übertragen, die Konzerte in Oslo und Stockholm wurden „live“ im Fernsehen ausgestrahlt. Jeder Ton, den die Mingusgruppe 1964 in Europa auf der Bühne oder im Aufnahmestudio spielte ist konserviert, teilweis auch Proben und Soundchecks. Von keiner anderen Tournee irgendeiner Band existieren so viele Bootlegs, einfach, weil die Musikpiraten ihr behelfsmäßiges Equipment nicht mehr in die Konzerte einschmuggeln mussten, sondern das Zeug bequem zuhause mitschneiden konnten.


Die Mingus-Gruppe, die am 10. April 1964 in Schiphol europäischen Boden betrat, bestand aus Johnny Coles (tp), Eric Dolphy (der bereits mit Coltrane in Europa auftrat) und Clifford Jordan (beide reeds), Jaki Byard (p), Dannie Richmond (dr) und Mingus (b) selber. Die Spur der genialen Momente, wüsten Provokationen und berechneten Eklats, die diese Combo im April 1964 durch Europa zog, gleicht ziemlich exakt dem Weg von Stones, Animals und anderen britischen Rockgruppen zeitgleich in den USA.* Mingus beschimpfte das Stuttgarter und Bremer Publikum, ließ sich auf offener Bühne selbstvergessen zu Monologen hinreißen, die keiner verstand oder auch nur verstehen wollte.

*Am 11. April spielte die Mingusgruppe in Hilversum eine Radiosession ein. Es war genau der Tag, an dem die Billboard-US-Hitparade fünf Beatles-Song auf den ersten Plätzen auswies.

Eric Dolphy

Die Mingus-Gruppe kam als Sextett nach Europa, aber nur vier Mann traten knapp drei Wochen später die Rückreise in die Staaten an. Coles erlitt am 17.04. in Paris einen Zusammenbruch, die Band bestritt den großen Rest ihrer Tour notgedrungen als Quintett. Beim regulären Einchecken für die Heimreise am 29.04. in Fuhlsbüttel fehlte dann auch Eric Dolphy. Dolphy blieb in Europa, seine Spuren verwischen sich, es existieren Tondokumente mit holländischen und französischen Musikern. Dolphy starb zwei Monate nach dem Split mit der Mingus-Gruppe 1964 in Berlin an nie diagnostizierter Diabetes. Es muss eine Amsterdam-Berlin-Connection gegeben haben, aber warum sich Dolphy in Holland oder Deutschland nicht einer ärztlichen Notbehandlung unterzog, ist vollkommen unklar. Für Europäer ist das unklar. Die mediale Verbreitung der europäischen Minguskonzerte sorgte dafür, dass Eric Dolphys Stil auf Bassklarinette, Flöte und Altsaxophon stilbildend wurde für die europäischen Musiker, aber nicht nur für diese. Während Dolphy mit Mingus in Europa zugange war, erschien in den USA seine Session "Out To Lunch" bei Blue Note. Die Platte wurde zu seinem Vermächtnis, bis heute haben sich Generationen von Cats und Hörern an der Musik mit Gewinn abgearbeitet. Einige mögen dabei - wenn nicht bessere, so doch - verständigere Menschen geworden sein.


The Chill Of Death (1940)
Charles Mingus

The chill of death as she clutched my hand.
I knew she was coming so I stood like a man.
She drew up closer, close enough for me to look into her face, and then began to wonder,
"Haven't I seen you some other place?"
She beckoned for me to come closer as if to pay an old debt.
I knew what she wanted; it wasn't quite time yet.
She threw her arms about me as many women had done before.
I heard her whisper, "You'll never cheat me, never anymore."
Darkness and nothingness clouded my mind.
I began to realise death was nothing to fear but something sweet and kind.
I pinched to see if I was dreaming but failed to find bodily form. I then began to realize death had worked her charm.
Taking myself of nothingness I chose a road to walk.
I noticed death's pleasantness with no one to stop me to talk.
I remembered stories of heaven as I envisioned the glory ahead.
Two roads lay waiting for me to choose one now that I was dead.
One road was dark; I could not see clearly such long stretched highway.
The other road was golden and glowing, and shined as bright as day.
I then remember stories of pearly gates, golden streets... or how... however those stories are told.
I knew I'd reach heaven on this highway. If not, I'd have the gold.
I took one footstep feeling safe and acting bold.
Suddenly, I realised my mistake. My chosen road turned black, bittery, and white cold.
No longer was it golden glory nor heaven that it's in.
White hot flames were blazing; I saw the devil with his grin.
I had taken but one footstep so I turned to hurry back.
But there a sound more waited, not a door, nor a crack
Finally, coming to my senses, I walked on to my hell.
For long before death had called me, my end was planned.
Planned, but well.


Kommentare:

  1. Somehow, in his own idiosyncratic way, he did hit all that badges, didn't he? Wovon ich nichts, aber auch gar nichts erfahren hätte, wenn Du es nicht Ray-style-großartig und jazzig geremixed (:) hättest. Ein riesiges Dankeschön an Dich, für "I. R. M.I.N.G.U.S. WHAM! BAM! THANK Y.O.U. M.A.A.M.!" – Keine Ahnung, wann ich mit der Hörerei durch bin, and you keep on adding to and expanding the C.M.-universe ...

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  2. Lob ist sooo geil ... :) Hab´s noch ergänzt: zwei Briefe von Charles Mingus an den italienischen Promoter Barazzetta 62/65. Spricht Bände, das.

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