Olympiapark, 26.10.2012


Wann war ich eigentlich zuletzt im Olympiapark? Jahre her, denk ich, vermutlich besuchte ich das Tollwood-Festival, denk ich. Nun, das Olympiaareal lud für meine Bedürfnisse nie so recht zum Verweilen ein. Ich ging also nochmal hin; erstmalig ohne feste Spaßabsicht und ohne festes Ziel, - aus reinem Lustwandelbedürfnis heraus. :) Neuentdecken halt.

Eingang Südwest. Nymphenburg-Biedersteiner Kanal beim alten Radstadion, das heute Event-Arena heißt. Das Wasser wirft impressionistische Spiegelbilder der Uferflora. Sieht aus wie verpixxelt, ist es aber nicht. :)

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Nur drei Gehminuten später gleich eine Offenbarung: Auf einem kleinen Hügelchen steht die Bronzeplastik Olympia Triumphans. Eine resche, spannkräftige Athletin mit gewaltigen und sinnlichen Rundungen, die wirkt, als sei sie aus einem frühgermanischen Versepos entsprungen. Wie sie die Kugel plattdrückt…, unbezahlbar. Überhaupt strahlt Olympia Triumphans eine umwerfende Souveränität und Heiterkeit aus, sie macht dich Wanderer damit fast schon glücklich. :) Von Martin Mayer, der sie 1972 schuf, kenne ich in München noch eine weitere Figur im öffentlichen Raum, und zwar das dralle Bronzemädchen an der Ludwigsbrücke.

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Coubertinplatz, Ehrentafeln der Olympiasieger 1972.


"Turischeva", das ist hart. Leider auch sonst kein Platz zum Verweilen: Attacke der tausend herumstehenden Würstlstände und lieblosen Reklamebanner auf die Sehnerven. Und ganz eigentlich: nirgendwo ist der Olympiapark so unaufgeräumt wertnackt wie auf dem Coubertinplatz. Hier sieht´s immer so aus, als sei gerade ein Jahrmarkt abgebaut worden. :)

Das Olympia-Schwimmstadion. Da drin saß Harry Valerien 1972 und sagte 36 mal am Tag „Shirley Babashoff“. :) Am Olympiasee unten befindet sich das Teatron, eine freie Sommerfreilichtbühne featuring Nachwuchsbands.


Olympiastadion. Stätte unvergessener Sportereignisse. Mädchen Meyfarths Weltrekord, Wolfermanns Speer, Annegret Richters Dauersprint gegen die DDR-Amazonen, das Zwo-eins 1974 gegen Holland, der Sieg der Dortmunder gegen Juventus. Dann das Oly als Hoemground des FC Bayern, bis sie vor ein paar Jahren in ein neues Stadion nach Fröttmaning übersiedelten, die Bayern: Ich sah hier (bloß) vier Europacupspiele. 2x Bayern vs Real, 1x Bayern vs Barcelona, 1x Bayern vs Manchester. Ich sah hier zirka 30 Erstligaspiele, darunter ein Derby Bayern vs 1860, 10x Bayern vs VfB, das legendäre 1:4 der Bayern vs Stuttgarter Kickers, dann sah ich hier mein erstes Auswärtsspiel überhaupt, und zwar 1860 vs VfB in der Zweitligasaison 1976/77 vor knapp 80.000 Zuschauern. Wir saßen oben in der Gegengeraden und holten uns einen beißenden Sonnenbrand. Aber der VfB gewann und stieg auf, da ließ ich mir die Schmerzen und den Schüttelfrost nicht so anmerken.


Bissl Wehmut ... :)


Im Olympiastadion fehlt heute der Rasen für ordentlichen Sport, dafür sind die Sitzschalen schön grün. Ich glaube, sie machen da unten jetzt irgendwelche Motorsportgeschichten und Nachtflohmärkte. Auch religiöse Massenveranstaltungen, und im Sommer bratzt zwei-dreimal der Stadionrock.


Ja, das berühmte Zeltdach. Wer keine Lust hat, in die Berge zu fahren, macht da oben beim Zeltdachklettern mit. Seilschaften, ganz wie am echten Berg. Womöglich sollte ich das mal probieren. Womöglich finde ich den idealen Ort des Verweilens da oben auf dem Dach. :)


Relikte. Dieser dem Zeitzahn überlassene Kassencontainer verfügte selbst vor ausverkauft gemeldeten Bayernspielen noch über quasigeheime Restkartenbestände. Die Prügeleien, die sich davor abspielten, sind legendär.


Senf oder Ketchup, das war bei Bayernspielen immer die Frage. Die Dinger heute noch an Ort und Stelle zu sehen, da, wo man immer seine Bratwusrt ... schnief!


Olympiaturm. Der Großraumlift da hoch soll 1972 der schnellste weltweit gewesen sein. Nun, der Magen rutscht einem schon in die Kniekehlen wenn das Geschoss orbitoral beschleunigt. Bei klarer Sicht kannst du von da oben bis zum Großglockner sehen. Dem umherirrenden Verweil-Romantiker bringt der Großglockner aber gar nichts; der wird hier oben nämlich zum rein touristischen Sehprodukt. Also schleunigst wieder runter. :)


Gefunden! Der ideale Verweilplatz im Olympiapark ist das Refugium vonVäterchen Timofej und Schwester Natascha am Tollwood-Gelände.


Leider war niemand zuhause, deshalb nur dieses Bild von der Eingangspforte aus. Ja, das ist ein kleiner Weihnachtsmann, der da am Ast schaukelt. :)

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Väterchen Timofej und Natascha waren Münchner Eremiten. Sie kamen Anfang der 50er aus Russland und ließen sich auf dem Oberwiesenfeld nieder. Die Mutter Gottes hatte Timofej in einem Traum befohlen, in den Westen zu gehen, um dort eine Versöhnungskirche zu bauen. Aus Kriegstrümmern und Materialschrott, den die Stadt München aufs Oberwiesenfeld verbracht hatte, errichteten die beiden in Eigenarbeit eine russisch-orthodoxe Kleinkirche und ein Wohnhäuschen. Da der Befehl dazu von allerhöchster Himmelsstelle gekommen war, dachte Timofej nicht daran, auch noch eine Baugenehmigung bei der Stadt einzuholen. Virulent wurde das Thema "Timofejs Schwarzbau" aber erst, als München 1964 den Zuschlag für die Olympiade ´72 bekam und allmählich die Planungen für die Umwandlung des Oberwiesenfeldes in einen Olympiapark mit Stadion und Sportstätten anliefen. Genau dort, wo Timofej und Natascha von selbstgezogenem Gemüse lebten und ansonsten dreimal am Tag für sich selbst und sporadisch eintreffende Besucher die Heilige Messe lasen sollte das olympische Radstadion entstehen. Mehrfach entgingen die beiden Eremiten nur knapp der Zwangsräumung, der Himmel und die moralischen Skrupel der Behörden, einen christlichen Sakralbau abzureissen, sorgten immer wieder für Aufschub. Als schließlich die Abendzeitung den Fall publik machte, wurde Timofejs Kirche zum Politikum. Unter dem Eindruck massiver öffentlicher Sympathiebekundung für die beiden Bedrängten, schlug OB Hans-Jochen Vogel vor, man solle doch einfach anders planen, immerhin widerspreche es auch dem olympischen Geist, die Leute zu vertreiben. Das saß, und tatsächlich bauten sie ihr Radstadion dann einfach 200 Meter weiter nördlich und Timofej und Natasha durften bleiben. Ich glaube, die Stadt spendierte ihnen damals obendrein noch einen Stromanschluss und eine Pumpe für fließendes Wasser. Als 1970 der SPIEGEL berichtete, waren Timofej und Natasha über´n Berg: Erhalt und Fortbestand der Kirche ließen sich allein durch Spendengelder garantieren, Touristen kamen, ein Verein wurde gegründet, und so besteht die Kirche im Olympiapark noch heute. 1977 starb Natascha, 2004 Timofej. Da war er mit 110 Jahren der älteste Münchner.

Kommentare:

  1. Ja, es müssen 36 Mal gewesen sein, längst im Nebel verschwunden, wie Shirley Babashoff eigentlich aussah, aber wie Harry Valérien ihren Namen aussprach, ist so präsent wie die Titelmusik von "die 2". :) Diese ganze Olympiapark-Architektur, die damals futuristische Dachkonstruktion, die irgendwie die logische Fortsetzung von "Raumpatrouille" war, machten in meiner jungen Wahrnehmung München zur hypermodernsten Stadt der Welt. Dann stiefelte auch noch Peggy March mit ihren endlos langen Beinen durch die fast fertige Anlage, naja, und dann kam "Liudmila Turischeva", schön, daß Du sie auf der Ehrentafel festgehalten hast. :) Wunderbar, Deine Herbststreifzüge.
    Colours of 72. Hab mir im Sommer natürlich auch "Visions of Eight" angeschaut, kannte bis dahin nur den Pfleghar-Teil über "Die Frauen", Arthur Penns Beitrag über den Stabhochsprung, die Zeitlupe und die eingespielten Geräusche, amazing.
    War im Leben nur 2x in München übrigens. 80s. Als Graffiti noch nicht "Streetart" war, sondern komplexe Fragen aufwarf in einer komplexen Welt, und jemand hatte an eine Mauer geschrieben: "Bist du dumm?"
    Hab nie eine Antwort darauf gefunden. :)

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    1. 1972 vermutete ich München mit absoluter Sicherheit am Meer. Mein Onkel, der Marinesoldat, war Schuld: der schickte immer Ansichtskarten aus Hafenstädten, und als er mir einmal zwei Karten aus München schenkte, da gab´s für mich keinen Grund, etwas anderes anzunehmen, als dass er mit seinem Kriegsschiff in München vor Anker lag. Später stellte sich heraus, dass der Schlingel die beiden Karten in Kiel gekauft hatte, wo ja die olympischen Segelbewerbe stattfanden. :)

      Leider habe ich keine Bilder vom Stoneskonzert 1981 im Olympiastadion. Mit 17 stand Fotografieren auf meiner Prioritätenliste ungefähr auf Platz 137. :) Unfassbar: Als ich die Stones dort sah, waren sie schon Veteranen, aber jünger als ich heute. :)

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    2. Tricky thing, die München-Kiel-Sache. :) Die Stones, noch mit Bill Wyman, Glückwunsch! Warte, ich glaub, die waren 1982 da. :) Platz 137, damn right. Ein Jahr später bei Bowie in Bad Segeberg, Winnetouland, Freilichtbühne, Kalkfelsen. Leda, Sonja & ich mit dem Auto. Leda driving, hab ein schönes Foto von Ledas Augen im Rückspiegel, looking at me, catching her eyes from the back seat. Hab auch ein Foto vom Konzert. Sagenhaft viel Freilichtbühne, sagenhaft viel Kalkfelsen, sagenhafter Sonnenuntergang. Bowie... irgendwo links unten der Kekskrümel. :) Bugger.
      Anyway, diese herbstliche Verlassenheit steht dem Olympiapark sehr gut, besonders dieser ex-futuristische Kassencontainer im Herbstlaub hat's mir angetan. Schön. :)

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    3. 1982, ja richtich, sie spielten ja den Kram von "Tattoo You". Das Konzert dauerte eine halbe Ewigkeit, allein die Stones spielten garantiert über zwei Stunden, brüllende Hitze, und dann gab´s ja noch das Vorprogramm mit J. Geils Band und Peter Maffay. Maffay hatte nicht die geringste Chance, er spielte direkt nach J. Geils, der das Stadion mit seinem Partyblues zum Ausrasten brachte. Die Leute warteten ungeduldig auf die Stones und erlebten Maffays Performance als kompletten Abtörner. War grausam, wie sie den Mann hinrichteten.

      Öhm, besteht die Chance, diese beiden Fotografien ..., :)

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