Das Odradek

Jeff Wall, Odradek (1994)

Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinanderverfilzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.

Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.

Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn – schon seine Winzigkeit verführt dazu – wie ein Kind. »Wie heißt du denn?« fragt man ihn. »Odradek«, sagt er. »Und wo wohnst du?« »Unbestimmter Wohnsitz«, sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.

Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.

[aus: Franz Kafka, Die Sorge des Hausvaters]

Elena Villa Bray, Odradek



Glaubt man Jorge Luis Borges (der einer der Lieblingsautoren von Franziskus sein soll, wie ich las), dann taucht in Kafkas Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande neben all den imaginierten Käfern auch dieses Viech auf:

Von Kafka imaginiertes Tier.

Leider finde ich die originale Textstelle nicht. Nach Borges also beschreibt Kafka das Tier wie folgt:

Es ist das Tier mit dem großen Schweif, einem viele Meter langen, fuchsartigen Schweif. Gern bekäme ich den Schweif einmal in die Hand, aber es ist unmöglich, immerfort ist das Tier in Bewegung, immerfort wird der Schweif herumgeworfen. Das Tier ist känguruhartig, aber uncharakteristisch im fast menschlich flachen, kleinen, ovalen Gesicht, nur seine Zähne haben Ausdruckskraft, ob es sie nun verbirgt oder fletscht. Manchmal habe ich das Gefühl, daß mich das Tier dressieren will; was hätte es sonst für einen Zweck, mir den Schwanz zu entziehn, wenn ich nach ihm greife, dann wieder ruhig zu warten, bis es mich wieder verlockt, und dann von neuem weiterzuspringen.

Kommentare:

  1. Klar, der Käfer ist bei Kafka nie weit - so hat das Känguru auf Deiner Zeichnung natürlich Original-Maikäferfühler und die sind eine bedeutsame Hilfe um der greifenden Hand rechtzeitig zu entwischen:o)

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  2. Ja, ich kann noch so viel Schatten und Zwielicht draufschmeissen, meine Bestien sehen am Ende doch immer nach Hellabrunn aus. :)

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  3. Das Tier ist schon unheimlich vor allem wegen dem Gesicht im Hintergrund.

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  4. Ausserdem mag ich den Odradek. :)

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  5. Danke, fünfzig FC Bayern-Pokale für Deine Güte und Deinen Zuspruch. :) Eine Bestie hab ich noch, und zwar eine aus der Wachsmalphase 2012. :) Ich such sie mal raus, ähm, wart kurz ... also spätestens Montag stell ich sie ein. Jemineh, ich glaub, das Ding ist peinlich, also bitte dann Zuspruch für meinen Mut, das hier zu veröffentlicht zu haben. :) ♥ [anyway]

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    1. Ich glaub, dass Du ein viel zu liebenswerter Zeitgenosse bist und genau deshalb überhaupt keine Bestien malen kannst. Mag ja an der Jahreszeit liegen, aber ich seh` in Deinem Bild eher einen Osterhasen mit Sonnenbrille...

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  6. Red nicht, ich räume schon mal die Tanzfläche. [Shakespeare] :)
    https://www.youtube.com/watch?v=C8lTh2q8nNc

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