Dekorativ, schon...
















Ordnen? Sortieren? Alles umhängen?
So etwa?





Ah, verstehe. Die globalisierungs- und konsumkritischen Bilder von den nur dekorativen trennen.
So?






"Madonna I" wär auch konsumkritisch und gehörte eigentlich in die untere Abteilung?
Und "Pyongyang" passte eigentlich nirgendwo rein?
Wieso, das ist doch herrlich dekorativ!
Achso, wegen der Totalitarismuskritik.
OK, dann trennen wir halt die chaotisch-wuseligen von den ordnungsfanatischen.


Wie ich drauf käm', die "Kathedrale" bei den wuseligen Bildern einzuordnen? Die wär' doch schlankweg der Inbegriff von Ordnung?
Naja, ...






Ästhetik des Terrors. Du stehst vor diesem Bild und unterscheidest jede einzelne Kniescheibe, jedes einzelne Gesicht. Aber der Terror macht alle gleich. Geburtstagstorte aus Mädchenfrischfleisch - was schlimmeres hab ich fast nie gesehen. Extrem irritierend, dass Gursky für dieses Bild gewissermaßen die Position des Herrschers eingenommen hat. Wieso? Na, diese beschissene Weltkugel ist natürlich so justiert, dass der Oberterrorist seines Schreckensreiches weltmaßstäblich frontal ansichtig wird. Fotograf Gursky dürfte seine Position kaum mehr als zehn Meter unterhalb des Blicks des absolut Bösen für sein Bild eingenommen haben. Man müsste ihn mal fragen, wie er sich da gefühlt hat.

Ein kleiner Junge, der meine Verrenkungen vor den Bildern nachgeahmt hat, entdeckte doch glatt ein Snickerspapierl in diesem Irrsinn von Bild. Wohnen da oben Leute? fragt er mich. Ich sag, nee, da wohnen keine Leute mehr. Geh, spring zu deinen Eltern, wo sind die? - Die kucken sich das langweiligste Bild der Welt an! - Ach! - Ja, bloß weils das teuerste ist! - Führ mich hin, Schöler! -

Oh ja, vor diesem Bild ist was los. Das gewohnte Gemurmle reihum: Dafür hat einer vier Millionen Dollar gezahlt? Das knips ich auch. - Aber ganz so einfach ist es nicht: "Rhein II" ist eins von diesen unheimlichen Bildern, auf dem der Mensch wie ausradiert erscheint. Seine Geometrie ist noch da, der begradigte Fluß, die Deiche, die Begrünung, der Radweg - bloß der Schöpfer all dessen, der Mensch, ist nicht mehr da. Als hätte er gesagt, naja verpfuscht, schade, und wär achselzuckend gegangen. - Ich hätte natürlich dem vifen kleinen Kerl, der mich vom Müllhaldenbild "Ohne Titel XIII" hierher gelotst hat, seine eigene Frage vorlegen können: wohnen da Leute? Ob er mich auch angelogen hätte, so wie ich ihn?

Das ist brandneu, 2015. Kanzlerin, drei Exkanzler. Altkanzler. Schröder wirkt auch im "Rückblick" wie ein rasierwasserumwölkter Deichsler, Merkel sieht auch aus dieser Perspektive aus wie eine deutsche Regierungschefin. Aber was ist mit Schmidt und Kohl, den Greisen? Bevor du überhaupt näher hingesehen hast, wendest du dich schon wieder ab - das Bild ist riesengroß und zeigt alle Details: die beiden sind unfrisiert, regelrecht verstrubbelt, so, als wären sie direkt aus dem Bett zu dieser immerhin wohl staatstragenden Veranstaltung gekommen. Ja, die beiden erscheinen als Verwahrloste, als notdürftig Zurechtgeputzte und allerzweckdienlichst Herbeigeschaffte, als Gespenster aus einer Epoche, die aus Sicht der aktuellen Legitimationsbedürfnisse von politischer Herrschaft zu nichts anderem mehr nütze sind, als den Mythos der Bundesrepublik zu beglaubigen. - Schmidts Rauchwolke vor dem rotlodernden Schmelzofen der Vergangenheiten, der die Zeitläufte zu einem Ganzen, Unverbrüchlichen, Nicht-mehr-Anzuzweifelnden zusammenschmiedet, das die Vier zu repräsentieren und zu gedenken haben. Das Bild ist beispiellos.

Ja, vor „Pyongyang“ oben war ich noch Settembrini. Ich brauchte aber nicht weit gehen in dieser Gurskyschau, da verwandelte ich mich in Leo Naphta. Kein einziger all dieser Leute in „Chicago Board of Trade“ würde ernsthaft bestreiten, hier beim Tanz um das goldene Kalb mitzumachen, kein einziger würde in Abrede stellen, dass alles Tun und Lassen an diesem Ort die Ursache für die kommenden Verteilungskriege und Flüchtlingskatastrophen ist. Das C-BOT ist nämlich die wichtigste Naturalien- und Rohstoffbörse, deswegen hat Gursky hier den Auslöser gedrückt.
Also das, was einen an Chicago auf eine morbide Weise wirklich fasziniert, ist das Brokers Inn, das Maklercafé im C-BOT, da wo sie das legendäre riesige Fischsandwich zubereiten, und auch die Steakhäuser sind exorbitant, da hängt das Fleisch zum Reifen im Schaufenster, und das Steakmesser, das sie einem bringen, ist keine windige Zahnklinge mit Plastikgriff, Schöler, sondern ein Ding aus geschliffenem, abgezogenem Stahl mit genieteten und handbearbeiteten Griffschalen aus Eiche. Solide, oder?
In T. Manns Erzählung „Das Gesetz“ rechtfertigt sich das lümmelige Volk vor Moses (er, erschüttert, mit den selbstgemachten Steintafeln unter beiden Armen) wie folgt: Also, du warst viele Wochen weg, Meister, wir dachten du kommst nicht mehr und dein Jahwe ist tot, na, da haben wir schonmal angefangen zu feiern. – Weiß nicht, vielleicht kann man den Bildern Gurskys in toto eine Frage voranstellen, die wäre dann der berühmte letzte Satz aus dem Zauberberg: „Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?“

In Nha Trang wird augenscheinlich unter anderem der Rattansessel AGENS produziert. Interessant der Fertigungsprozess: die Arbeiterinnen stellen offenbar Sessel für Sessel und Korb für Korb "ganzheitlich" her. Die IKEA-Seite sagt also die Wahrheit: "Handgeflochten. Jedes Möbelstück ist einzigartig." Jeder AGENS-Sessel stellt demgemäß eine direkte Verbindung her zwischen seinem Käufer und seiner Herstellerin. Karl Marx hätte das gefallen. Dass nachwachsende Rohstoffe verwendet werden (Nachhaltigkeit) stimmt auch. Rattan, Bambus, Mensch.

Das ist nur noch geil. Wenn ich keine Lunchverabredung gehabt hätte, würde ich vor dem Ding heut noch stehen. Kein Scheiß, keine Mehrfachböden, nix Houdini - da, in dieses Loch möcht ich dereinst fallen. :)








Kommentare:

  1. Panofsky über Jan van Eyck: sein Auge arbeitet wie Mikroskop und Teleskop zugleich. Ähnliches Gefühl wie vor dem Genter Altar: panoramisches hovering und unfaßbares Detail zugleich. Macht schön irr.

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    1. Im Zauberberg gibt's diesen Mikro-/Teleskop-Diskurs ja auch, nur halt im Hinblick auf das Zeitphänomen. Macht auch irr.

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